Ein Hoch auf die Analogisierung

Ich bin sehr technikaffin. Als Geoinformatiker arbeite ich als technischer Mitarbeiter und Administrator mit Servern, Clustern, Sensoren, Drohnen und komplexen IT-Systemen. Neue Technologien faszinieren mich. Ich probiere Dinge aus, automatisiere Abläufe und freue mich über elegante technische Lösungen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Privat allerdings hat sich etwas verändert.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten iPhones. Was war das für ein Quantensprung. Oder die ersten Android-Geräte von HTC. Plötzlich war das Internet nicht mehr an den Schreibtisch gebunden, sondern in der Hosentasche. Das war faszinierend. Es fühlte sich an, als würde Zukunft stattfinden. Das war vor 20 Jahren.

Dann kamen Tablets. Smartwatches. Immer leistungsfähigere Smartphones. Und ganz ehrlich, ich habe das geliebt. Es hat Spaß gemacht, diese Entwicklung mitzuerleben.

Aber irgendwann kippte es.

Ich würde den Zeitpunkt gar nicht exakt festmachen wollen. Vielleicht vor zehn oder zwölf Jahren. Plötzlich waren die großen Sprünge vorbei. Stattdessen gab es zwei Kameras je Smartphone. Dann drei. Dann vier. Heute werben Smartphones mit fünf Kameras. Prozessoren wurden schneller, Displays heller, Akkus etwas besser.

Aber verändert das meinen Alltag wirklich?

Ein Android-Smartphone von heute fühlt sich in seinen Grundzügen immer noch erstaunlich ähnlich an wie eines von vor vielen Jahren. Natürlich ist vieles besser geworden. Aber die Revolution ist vorbei. Was wir heute erleben, ist vor allem Evolution. Und manchmal nicht einmal das, sondern schlicht Marketing. Ich schätze, dass es bei IPhones ähnlich ist, das kann ich jedoch nicht beurteilen.

Gleichzeitig wurde alles smart.

Smart Home. Smart TV. Smartwatch. Smarte Lampen. Smarte Kühlschränke. Smarte Waschmaschinen. Und jetzt bekommt plötzlich auch noch jedes Produkt ein KI-Label.

Versteht mich nicht falsch, ich arbeite gerne mit KI. Bereits 2015 trainierten wir neuronale Netze, und schon vorher nutzten wir in der Fernerkundung diverse Klassifikatoren (Stichwort RandomForest). KI oder maschinelles Lernen ist ein fantastisches Werkzeug. Aber ich frage mich zunehmend, ob wirklich jedes Gerät in meinem Alltag noch intelligenter werden muss? Vor kurzem las ich, dass in diversen Auto-Luxusmarken, ein Mehrpreis für haptische Knöpfe verlangt wird. Parallell dazu zahlen wir mittlerweile für eine Vielzahl an Abos. Stichwort Auto, um Funktionen freizuschalten, werden monatliche Aufpreise verlangt, z.B. für ein Kartenupdate etc. etc. Keine Sorge, so etwas ignorieren wir konsequent.

Und was mich noch mehr beschäftigt, ist der Preis dieses Fortschritts.

Für immer mehr KI entstehen riesige Rechenzentren mit einem enormen Bedarf an Strom und Wasser. In Texas wachsen ganze KI-Campus aus dem Boden. In Österreich, meiner ehemaligen Heimat, wird über Rechenzentren diskutiert, deren Strombedarf ganze Regionen verändern könnte. Ein geplantes Rechenzentrum in Oberösterreich hat einen Stromhunger, der den Strombedarf des ganzen Bundeslandes verdoppeln wird.

Natürlich brauchen wir Rechenzentren. Ohne sie gäbe es kein Cloud Computing, keine Videotelefonie und keine moderne KI. Aber wir sollten uns schon fragen, welchen Preis wir für den digitalen Fortschritt bezahlen wollen?

Vielleicht ist das einfach das mittlere Lebensalter. Vielleicht romantisiere ich die 90er ein wenig.

Damals war das Internet an einen Ort gebunden. Man setzte sich bewusst an den Computer (ein Pentium 100, mit digitaler MHz. Anzeige) und ging online. Irgendwann stand man wieder auf und war offline.

Heute ist das Internet kein Ort mehr. Es ist ein Dauerzustand.

Natürlich möchte ich auf vieles nicht verzichten. Navigation, Messenger, Videotelefonie mit meiner Familie, all das ist großartig. Ein gutes Smartphone möchte ich nicht mehr missen!

Vielleicht vermisse ich gar nicht die Technik von früher.

Vielleicht vermisse ich das Gefühl, dass Technik nicht ständig um meine Aufmerksamkeit konkurrierte. Geht es Euch so ähnlich?

Ich freue mich heute über meinen Verstärker, der seit über zehn Jahren seinen Dienst verrichtet. Daran gekoppelt, mein Plattenspieler, der an manchen Stellen ein wenig knistert und dessen Nadel kratzt. Über meinen Laptop, der knarrt, dessen Fragezeichentaste längst den Geist aufgegeben hat (Fragezeichen paste ich mit Copy & Paste in Texte) und der trotzdem jeden Morgen zuverlässig hochfährt. Meine Espressomaschine mit Doppelmanometer, die dampft und mechanisch arbeitet.

Früher hätte ich das als guten Grund gesehen, etwas Neues zu kaufen.

Heute denke ich: Warum?

Es funktioniert doch und wird dann ersetzt, wenn es auseinanderfällt und nicht mehr repariert werden kann. Ich versuche dem “Repair Manifesto” zu folgen, dass vom Niederländischen Design Studio “Plattform 21” 2009 postuliert wurde: https://www.platform21.nl/page/4315/en Es ist eine Form von Unabhängigkeit und vielleicht sogar ein Widerstand gegen eine Welt, die uns ständig einreden möchte, dass das Neue automatisch das Bessere sei.

Natürlich höre ich auch Spotify. Natürlich nutze ich Streaming. Natürlich freue ich mich über KI, wenn sie mir bei der Arbeit hilft.

Auch diesen Artikel habe ich zunächst grob mit der Hand vorgeschrieben. Danach tippte ich die einzelnen Fragmente ab, recherchierte, ordnete meine Gedanken und machte das Ganze mithilfe von Gemini und ChatGPT zu einer runden Sache, bevor ich es noch einmal querlas und weiter redigierte.

Kein Problem, oder?

Problematisch würde es erst dann, wenn die Maschine alles allein in ihren Tensoren erledigte und vom eigenen Denken, Formulieren und Gestalten nichts mehr übrig bliebe. Aber das ist ein anderes Thema.

Es geht gar nicht um ein Entweder-oder.

Es geht darum, irgendwann eine Grenze zu ziehen.

Zu sagen, bis hierhin genieße ich die Möglichkeiten der Digitalisierung. Und ab hier muss nicht mehr jede technische Neuerung in mein Leben einziehen. Das ist Alles nicht in Stein gemeiselt und adaptiv.

Diese Haltung widerspricht natürlich einem Wirtschaftssystem, das auf ständigem Wachstum beruht. Neue Geräte, neue Abonnements, neue Funktionen, Plattformwirtschaft, möglichst jedes Jahr. Das ist nachvollziehbar. Unternehmen müssen wachsen. Aber als Verbraucher muss ich dieses Wachstum nicht zwangsläufig in meinem eigenen Leben mitvollziehen; aber auch dass ist ein eigenes Themenfeld.

Ein gutes Smartphone genügt mir völlig. Und selbst das muss kein Neugerät sein. Ein gutes refurbished Smartphone reicht häufig vollkommen aus. Ob es ein, drei oder fünf Jahre alt ist, spielt für die meisten Menschen im Alltag kaum noch eine Rolle.

Nicht jede technische Möglichkeit muss genutzt werden.

Nicht jedes Gerät muss gekauft werden.

Nicht jede Innovation verbessert mein oder euer Leben.

Ich nenne das für mich Analogisierung. Nicht, weil ich Technik ablehne.Sondern weil ich wieder selbst entscheiden möchte, welche Technik in meinem Leben einen Platz bekommt und welche nicht.

Vielleicht hat Dieter Rams recht. Der große deutsche Designer, dessen Gestaltung Braun geprägt und später die Designer von Apple inspiriert hat, brachte es auf den Punkt:

„Weniger, aber besser.“

Ich glaube, genau darum geht es.

Nicht um Technikverweigerung.

Nicht um Nostalgie.

Sondern darum, Dinge wieder lange zu nutzen. Sie altern zu lassen. Sie zu reparieren. Sich an ihnen zu freuen.

Vielleicht besteht die eigentliche Freiheit heute nicht darin, sich alles leisten zu können.

Sondern darin, sagen zu können:

Nein danke. Das, was ich habe, genügt mir.

Repair Manifesto