Leben mit einer Prothese – stoische Notizen aus dem Alltag

Die Ausgangslage

Jeden Morgen beginnt mein Tag mit einem kleinen Ritual. Ich setze mich auf die Bettkante, greife nach meiner Prothese und ziehe sie an. Manchmal passt sie sofort. Manchmal braucht es ein paar Minuten, bis alles sitzt. An manchen Tagen spüre ich sie kaum. An anderen erinnert sie mich bei jedem Schritt daran, dass mein rechter Unterschenkel nicht vorhanden ist. Vor etwa fünfzehn Jahren hatte ich einen folgenschweren Unfall, bei dem ich mein rechtes Bein verlor. Ein alkoholisierter Autolenker hat mich auf einem Zebrastreifen angefahren. In diesem Blogbeitrag möchte ich einen philosophischen Einblick geben, wie das Leben mit einer Beinamputation und einer Unterschenkelprothese tatsächlich ist. Es soll weder ein Jammern noch eine heroische Selbstdarstellung sein.

Vielmehr möchte ich ein paar Gedanken darüber teilen, wie mir Stoizismus und Philosophie helfen, mit meinem Handicap zu leben. Viele dieser Strategien lassen sich – so glaube ich – auch auf andere Lebenssituationen übertragen.

Die körperliche Realität

Wie ist es, mit einer Unterschenkelprothese zu leben?

Beginnen wir mit dem Idealfall: Wenn eine Prothese perfekt angepasst ist, läuft man damit und denkt nicht weiter darüber nach. Doch wann ist sie schon perfekt angepasst? In der Realität ist das selten der Fall. Meist muss ständig nachjustiert werden.

Selbst mit einer gut angepassten Prothese kostet Gehen mehr Energie. Studien sprechen von etwa 20 bis 40 % mehr Energieaufwand. Das merkt man vielleicht nicht bei jedem einzelnen Schritt, aber am Ende eines langen Tages.

Hinzu kommt: Jeder Fall ist individuell. In meinem Fall kommt erschwerend hinzu, dass ich sehr viel transplantierte Haut habe. Standardlösungen greifen daher nur begrenzt. Schon kleine Veränderungen des Körpers – ein paar Kilo mehr oder weniger – können die Passform spürbar verändern.

Seit November zum Beispiel passt meine Prothese nicht mehr so, wie sie sollte. Gemeinsam mit meinem Orthopädietechniker arbeiten wir an einer neuen Lösung. Solche Anpassungsprozesse können Wochen oder sogar Monate dauern.

Ohne ein gutes Netzwerk an Experten ist man schnell aufgeschmissen. An dieser Stelle bin ich sehr dankbar für meinen hervorragenden Orthopädietechniker sowie für meinen ehemaligen, inzwischen pensionierten, und meinen neuen Orthopäden.

Wohl oder übel muss man außerdem zum Experten in eigener Sache werden. Man hat es mit Krankenkassen zu tun, die nicht immer einfache Partner sind. Gute Kenntnisse des Sozialgesetzbuches (SGB) sind Gold wert. Wer nicht lernt, ein aktiver Anwalt seiner eigenen Interessen zu sein, hat es schwer.

Familie als Quelle von Sinn

Eine zentrale Quelle von Sinn ist für mich meine Familie.

Ohne meine wunderbare Frau Aura, die ich über alles liebe, und ohne meine beiden Kinder würde meinem Leben etwas Entscheidendes fehlen. Sie geben meinem Leben Sinn. In diesem Zusammenhang denke ich oft an den Psychologen Viktor Frankl. Er schrieb, dass wir den Sinn des Lebens nicht einfach durch Suchen finden. Sinn entsteht vielmehr dadurch, dass wir unserem Leben selbst Sinn geben.

Meine Familie ist mein „Warum“.

Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie. — Viktor Frankl

Der Alltag mit der Prothese

Ein typisches Szenario: Man arbeitet die ganze Woche, es läuft gut mit der Prothese, und man denkt sich: Jetzt kann das Wochenende kommen.

Und genau dann meldet sich plötzlich eine Druckstelle. Statt aktiver Mobilität heißt es dann: kürzer treten.

Natürlich übe ich Gelassenheit. Doch so viel man auch trainieren kann – am Ende bleibt man Mensch. Man ärgert sich, man flucht vielleicht kurz, und dann muss man eben damit umgehen. Das gelingt mal besser, mal schlechter Ohne Training geht es nicht. Gleichzeitig weiß ich nicht, was mich im Alter erwarten wird. Aber eines weiß ich: Ich sehe dem gefasst entgegen.

Nicaragua

Dreimal war ich bereits mit meiner Prothese im Heimatland meiner Frau, in Nicaragua. Das ist jedes Mal eine besondere Herausforderung. Für Gesunde sind die Langstreckenflüge schon schwer, mit Prothese ist es eine sehr große Herausforderung. Ich bin stolz, dass ich diese wieder gemeister habe. Über den Jahreswechsel 2025/2026 konnte ich diesmal nicht alles machen, was ich vielleicht gern gemacht hätte. Aber ich habe – wie eigentlich immer – das Beste aus den Umständen gemacht. Managua habe ich mir diesmal gar nicht angesehen. Es war schlicht zu heiß. Stattdessen verbrachte ich wunderbare Tage in einem tropischen Hotel und dass nach einer tollen Zeit im Kaffeehochland im Norden Nicaraguas.

Auch das gehört zum Leben mit einer Prothese: Man muss lernen, Situationen neu zu gestalten.

Bürokratie und Selbstvertretung

Hilfreich ist für mich, dass ich im Umgang mit Behörden einigermaßen geübt bin. Oft frage ich mich, wie es Menschen ergeht, die diese Erfahrung nicht haben.

Immer wieder treffe ich Menschen, die zum ersten Mal ernsthaft mit dem Gesundheitssystem in Kontakt kommen und dann erstaunt – manchmal sogar schockiert – feststellen, wie viele Dinge erkämpft werden müssen. Trotz jahrelanger Beiträge.

Selbsthilfegruppen und Interessenvertretungen sind hier enorm wichtig. Ich selbst bin Mitglied im Amputiertenverein Berlin-Brandenburg. Der Austausch mit anderen Betroffenen ist oft sehr hilfreich.

Philosophie als Rüstung

Jeden Morgen habe ich manchmal das Gefühl, wie ein Ritter zu sein, der wieder in seine Rüstung steigt.

Die Prothese ist Teil dieser Rüstung.
Leider passt die Rüstung nicht jeden Tag perfekt.

Neben der technischen Rüstung hilft mir auch eine geistige: die Philosophie. Besonders der Stoizismus begleitet mich seit vielen Jahren.

Einer der großen stoischen Denker ist Epiktet. Der Überlieferung nach wurde sein Bein von seinem Besitzer so stark verdreht, dass es brach und nie richtig heilte. Trotz seiner Stellung als Sklave und seiner körperlichen Einschränkung wurde er zu einem der einflussreichsten Philosophen der Antike.

Einer seiner bekanntesten Gedanken lautet:

„Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern die Vorstellungen, die wir von ihnen haben.“ — Epiktet

Dieser Gedanke begleitet mich bis heute. Ich versuche, das Beste aus dem zu machen, was in meiner Macht steht und den Rest gelassen anzunehmen.

Das ist keine einmalige Einsicht, sondern eine tägliche Übung.

Die Dichotomie der Kontrolle

Die Stoiker unterscheiden zwischen Dingen, die in unserer Kontrolle liegen, und solchen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen.

Richtig verstanden bedeutet das nicht, die Welt zu ignorieren. Vielmehr bedeutet es, seine Energie bewusst einzusetzen.

An erster Stelle steht die Sorge um sich selbst. Danach kommt die Sorge um die Familie. Erst danach folgt der Rest der Welt.

Natürlich kann man sich über Kriege, Krisen und Ungerechtigkeiten empören. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wo habe ich tatsächlich Einfluss?

Es ist oft klüger, diese Dinge mit Mitgefühl zur Kenntnis zu nehmen und seine Kraft dort einzusetzen, wo man wirklich etwas bewirken kann.

Wenn wir Dinge nicht ändern können, müssen wir manchmal unsere Perspektive ändern.

„Kämpfe nur Schlachten, die du auch gewinnen kannst.“
— Sunzi

Das bedeutet: Wähle klug aus, wofür du deine Energie einsetzt.

Warum sollte man sich über Dinge den Kopf zerbrechen, die ohnehin außerhalb der eigenen Kontrolle liegen?

Die Dichotomie der Kontrolle lässt sich sogar zu einer Trichotomie erweitern:
Es gibt Dinge, die wir vollständig kontrollieren können, Dinge, auf die wir teilweise Einfluss haben, und Dinge, die völlig außerhalb unserer Kontrolle liegen.

Bei Dingen, die wir teilweise beeinflussen können, hilft die stoische Vorbehaltsklausel:
Handle klug und entschlossen – aber sei dir bewusst, dass das Ergebnis nie vollständig in deiner Hand liegt.

Jeden Morgen steige ich wieder in meine Rüstung. Sie passt nicht immer perfekt , aber sie trägt mich und ich arbeite daran, dass Sie mich noch lange trägt.

Die Prothese ist Teil meiner Geschichte. Aber sie bestimmt nicht, wie ich mein Leben führe.