{"id":70,"date":"2026-08-01T08:39:43","date_gmt":"2026-08-01T08:39:43","guid":{"rendered":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/?p=70"},"modified":"2026-08-01T09:19:57","modified_gmt":"2026-08-01T09:19:57","slug":"ein-hoch-auf-die-analogisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/?p=70","title":{"rendered":"Ein Hoch auf die Analogisierung"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><\/h1>\n\n\n\n<p>Ich bin sehr technikaffin. Als Geoinformatiker arbeite ich als technischer Mitarbeiter und Administrator mit Servern, Clustern, Sensoren, Drohnen und komplexen IT-Systemen. Neue Technologien faszinieren mich. Ich probiere Dinge aus, automatisiere Abl\u00e4ufe und freue mich \u00fcber elegante technische L\u00f6sungen. Daran hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Privat allerdings hat sich etwas ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich noch gut an die ersten iPhones. Was war das f\u00fcr ein Quantensprung. Oder die ersten Android-Ger\u00e4te von HTC. Pl\u00f6tzlich war das Internet nicht mehr an den Schreibtisch gebunden, sondern in der Hosentasche. Das war faszinierend. Es f\u00fchlte sich an, als w\u00fcrde Zukunft stattfinden. Das war vor 20 Jahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kamen Tablets. Smartwatches. Immer leistungsf\u00e4higere Smartphones. Und ganz ehrlich, ich habe das geliebt. Es hat Spa\u00df gemacht, diese Entwicklung mitzuerleben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber irgendwann kippte es.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde den Zeitpunkt gar nicht exakt festmachen wollen. Vielleicht vor zehn oder zw\u00f6lf Jahren. Pl\u00f6tzlich waren die gro\u00dfen Spr\u00fcnge vorbei. Stattdessen gab es zwei Kameras je Smartphone. Dann drei. Dann vier. Heute werben Smartphones mit f\u00fcnf Kameras. Prozessoren wurden schneller, Displays heller, Akkus etwas besser. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber ver\u00e4ndert das meinen Alltag wirklich?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Android-Smartphone von heute f\u00fchlt sich in seinen Grundz\u00fcgen immer noch erstaunlich \u00e4hnlich an wie eines von vor vielen Jahren. Nat\u00fcrlich ist vieles besser geworden. Aber die Revolution ist vorbei. Was wir heute erleben, ist vor allem Evolution. Und manchmal nicht einmal das, sondern schlicht Marketing. Ich sch\u00e4tze, dass es bei IPhones \u00e4hnlich ist, das kann ich jedoch nicht beurteilen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig wurde alles <strong>smart<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Smart Home. Smart TV. Smartwatch. Smarte Lampen. Smarte K\u00fchlschr\u00e4nke. Smarte Waschmaschinen. Und jetzt bekommt pl\u00f6tzlich auch noch jedes Produkt ein KI-Label.<\/p>\n\n\n\n<p>Versteht mich nicht falsch, ich arbeite gerne mit KI. Bereits 2015 trainierten wir neuronale Netze, und schon vorher nutzten wir in der Fernerkundung diverse Klassifikatoren (Stichwort RandomForest). KI oder maschinelles Lernen ist ein fantastisches Werkzeug. Aber ich frage mich zunehmend, ob wirklich jedes Ger\u00e4t in meinem Alltag noch intelligenter werden muss? Vor kurzem las ich, dass in diversen Auto-Luxusmarken, ein Mehrpreis f\u00fcr haptische Kn\u00f6pfe verlangt wird. Parallell dazu zahlen wir mittlerweile f\u00fcr eine Vielzahl an Abos. Stichwort Auto, um Funktionen freizuschalten, werden monatliche Aufpreise verlangt, z.B. f\u00fcr ein Kartenupdate etc. etc. Keine Sorge, so etwas ignorieren wir konsequent.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was mich noch mehr besch\u00e4ftigt, ist der Preis dieses Fortschritts.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr immer mehr KI entstehen riesige Rechenzentren mit einem enormen Bedarf an Strom und Wasser. In Texas wachsen ganze KI-Campus aus dem Boden. In \u00d6sterreich, meiner ehemaligen Heimat, wird \u00fcber Rechenzentren diskutiert, deren Strombedarf ganze Regionen ver\u00e4ndern k\u00f6nnte. Ein geplantes Rechenzentrum in Ober\u00f6sterreich hat einen Stromhunger, der den Strombedarf des ganzen Bundeslandes verdoppeln wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich brauchen wir Rechenzentren. Ohne sie g\u00e4be es kein Cloud Computing, keine Videotelefonie und keine moderne KI. Aber wir sollten uns schon fragen, welchen Preis wir f\u00fcr den digitalen Fortschritt bezahlen wollen? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vielleicht ist das einfach das mittlere Lebensalter. Vielleicht romantisiere ich die 90er ein wenig.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damals war das Internet an einen Ort gebunden. Man setzte sich bewusst an den Computer (ein Pentium 100, mit digitaler MHz. Anzeige)  und ging online. Irgendwann stand man wieder auf und war offline.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist das Internet kein Ort mehr. Es ist ein Dauerzustand. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00f6chte ich auf vieles nicht verzichten. Navigation, Messenger, Videotelefonie mit meiner Familie, all das ist gro\u00dfartig. Ein gutes Smartphone m\u00f6chte ich nicht mehr missen! <\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht vermisse ich gar nicht die Technik von fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht vermisse ich das Gef\u00fchl, dass Technik nicht st\u00e4ndig um meine Aufmerksamkeit konkurrierte. Geht es Euch so \u00e4hnlich? <\/p>\n\n\n\n<p>Ich freue mich heute \u00fcber meinen Verst\u00e4rker, der seit \u00fcber zehn Jahren seinen Dienst verrichtet. Daran gekoppelt, mein Plattenspieler, der an manchen Stellen ein wenig knistert und dessen Nadel kratzt. \u00dcber meinen Laptop, der knarrt, dessen Fragezeichentaste l\u00e4ngst den Geist aufgegeben hat (Fragezeichen paste ich mit Copy &amp; Paste in Texte) und der trotzdem jeden Morgen zuverl\u00e4ssig hochf\u00e4hrt. Meine Espressomaschine mit Doppelmanometer, die dampft und mechanisch arbeitet. <\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher h\u00e4tte ich das als guten Grund gesehen, etwas Neues zu kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute denke ich: Warum?<\/p>\n\n\n\n<p>Es funktioniert doch und wird dann ersetzt, wenn es auseinanderf\u00e4llt und nicht mehr repariert werden kann. Ich versuche dem &#8220;Repair Manifesto&#8221; zu folgen, dass vom Niederl\u00e4ndischen Design Studio &#8220;Plattform 21&#8221; 2009 postuliert wurde: <a href=\"https:\/\/www.platform21.nl\/page\/4315\/en\">https:\/\/www.platform21.nl\/page\/4315\/en<\/a> Es ist eine Form von Unabh\u00e4ngigkeit  und vielleicht sogar <strong>ein Widerstand <\/strong>gegen eine Welt, die uns st\u00e4ndig einreden m\u00f6chte, dass das Neue automatisch das Bessere sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00f6re ich auch Spotify. Nat\u00fcrlich nutze ich Streaming. Nat\u00fcrlich freue ich mich \u00fcber KI, wenn sie mir bei der Arbeit hilft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch diesen Artikel habe ich zun\u00e4chst grob mit der Hand vorgeschrieben. Danach tippte ich die einzelnen Fragmente ab, recherchierte, ordnete meine Gedanken und machte das Ganze mithilfe von Gemini und ChatGPT zu einer runden Sache, bevor ich es noch einmal querlas und weiter redigierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Problem, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Problematisch w\u00fcrde es erst dann, wenn die Maschine alles allein in ihren Tensoren erledigte und vom eigenen Denken, Formulieren und Gestalten nichts mehr \u00fcbrig bliebe. Aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es geht gar nicht um ein Entweder-oder.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es geht darum, irgendwann eine Grenze zu ziehen<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu sagen,  bis hierhin genie\u00dfe ich die M\u00f6glichkeiten der Digitalisierung. Und ab hier muss nicht mehr jede technische Neuerung in mein Leben einziehen. Das ist Alles nicht in Stein gemeiselt und adaptiv. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese Haltung widerspricht nat\u00fcrlich einem Wirtschaftssystem, das auf st\u00e4ndigem Wachstum beruht. Neue Ger\u00e4te, neue Abonnements, neue Funktionen, Plattformwirtschaft, m\u00f6glichst jedes Jahr. Das ist nachvollziehbar. Unternehmen m\u00fcssen wachsen.  Aber als Verbraucher muss ich dieses Wachstum nicht zwangsl\u00e4ufig in meinem eigenen Leben mitvollziehen; aber auch dass ist ein eigenes Themenfeld. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein gutes Smartphone gen\u00fcgt mir v\u00f6llig. Und selbst das muss kein Neuger\u00e4t sein. Ein gutes refurbished Smartphone reicht h\u00e4ufig vollkommen aus. Ob es ein, drei oder f\u00fcnf Jahre alt ist, spielt f\u00fcr die meisten Menschen im Alltag kaum noch eine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht jede technische M\u00f6glichkeit muss genutzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht jedes Ger\u00e4t muss gekauft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht jede Innovation verbessert mein oder euer Leben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ich nenne das f\u00fcr mich Analogisierung.<\/strong> Nicht, weil ich Technik ablehne.Sondern weil ich wieder selbst entscheiden m\u00f6chte, welche Technik in meinem Leben einen Platz bekommt und welche nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht hat Dieter Rams recht. Der gro\u00dfe deutsche Designer, dessen Gestaltung Braun gepr\u00e4gt und sp\u00e4ter die Designer von Apple inspiriert hat, brachte es auf den Punkt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><strong>\u201eWeniger, aber besser.\u201c<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich glaube, genau darum geht es.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nicht um Technikverweigerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht um Nostalgie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sondern darum, Dinge wieder lange zu nutzen. Sie altern zu lassen. Sie zu reparieren. Sich an ihnen zu freuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht besteht die eigentliche Freiheit heute nicht darin, sich alles leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sondern darin, sagen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Nein danke. Das, was ich habe, gen\u00fcgt mir.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"454\" height=\"803\" src=\"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/4375.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-79\" srcset=\"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/4375.jpeg 454w, https:\/\/phil.schernthanner.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/4375-170x300.jpeg 170w\" sizes=\"auto, (max-width: 454px) 100vw, 454px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Repair Manifesto<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin sehr technikaffin. Als Geoinformatiker arbeite ich als technischer Mitarbeiter und Administrator mit Servern, Clustern, Sensoren, Drohnen und komplexen IT-Systemen. Neue Technologien faszinieren mich. Ich probiere Dinge aus, automatisiere Abl\u00e4ufe und freue mich \u00fcber elegante technische L\u00f6sungen. Daran hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert. Privat allerdings hat sich etwas ver\u00e4ndert. Ich erinnere mich noch &#8230; <a title=\"Ein Hoch auf die Analogisierung\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/?p=70\" aria-label=\"Read more about Ein Hoch auf die Analogisierung\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-70","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkraum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=70"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":82,"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/70\/revisions\/82"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=70"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=70"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=70"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}