{"id":58,"date":"2026-03-15T12:45:27","date_gmt":"2026-03-15T12:45:27","guid":{"rendered":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/?p=58"},"modified":"2026-03-15T13:05:09","modified_gmt":"2026-03-15T13:05:09","slug":"mit-einer-prothese-leben-stoische-notizen-aus-dem-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/phil.schernthanner.eu\/?p=58","title":{"rendered":"Leben mit einer Prothese \u2013 stoische Notizen aus dem Alltag"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Die Ausgangslage<\/h1>\n\n\n\n<p>Jeden Morgen beginnt mein Tag mit einem kleinen Ritual. Ich setze mich auf die Bettkante, greife nach meiner Prothese und ziehe sie an. Manchmal passt sie sofort. Manchmal braucht es ein paar Minuten, bis alles sitzt. An manchen Tagen sp\u00fcre ich sie kaum. An anderen erinnert sie mich bei jedem Schritt daran, dass mein rechter Unterschenkel nicht vorhanden ist.  Vor etwa f\u00fcnfzehn Jahren hatte ich einen folgenschweren Unfall, bei dem ich mein rechtes Bein verlor. Ein alkoholisierter Autolenker hat mich auf einem Zebrastreifen angefahren. In diesem Blogbeitrag m\u00f6chte ich einen philosophischen Einblick geben, wie das Leben mit einer Beinamputation und einer Unterschenkelprothese tats\u00e4chlich ist. Es soll weder ein Jammern noch eine heroische Selbstdarstellung sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielmehr m\u00f6chte ich ein paar Gedanken dar\u00fcber teilen, wie mir Stoizismus und Philosophie helfen, mit meinem Handicap zu leben. Viele dieser Strategien lassen sich \u2013 so glaube ich \u2013 auch auf andere Lebenssituationen \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die k\u00f6rperliche Realit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie ist es, mit einer Unterschenkelprothese zu leben?<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit dem Idealfall: Wenn eine Prothese perfekt angepasst ist, l\u00e4uft man damit und denkt nicht weiter dar\u00fcber nach. Doch wann ist sie schon perfekt angepasst? In der Realit\u00e4t ist das selten der Fall. Meist muss st\u00e4ndig nachjustiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst mit einer gut angepassten Prothese kostet Gehen mehr Energie. Studien sprechen von etwa 20 bis 40 % mehr Energieaufwand. Das merkt man vielleicht nicht bei jedem einzelnen Schritt, aber am Ende eines langen Tages.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt: Jeder Fall ist individuell. In meinem Fall kommt erschwerend hinzu, dass ich sehr viel transplantierte Haut habe. Standardl\u00f6sungen greifen daher nur begrenzt. Schon kleine Ver\u00e4nderungen des K\u00f6rpers \u2013 ein paar Kilo mehr oder weniger \u2013 k\u00f6nnen die Passform sp\u00fcrbar ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit November zum Beispiel passt meine Prothese nicht mehr so, wie sie sollte. Gemeinsam mit meinem Orthop\u00e4dietechniker arbeiten wir an einer neuen L\u00f6sung. Solche Anpassungsprozesse k\u00f6nnen Wochen oder sogar Monate dauern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne ein gutes Netzwerk an Experten ist man schnell aufgeschmissen. An dieser Stelle bin ich sehr dankbar f\u00fcr meinen hervorragenden Orthop\u00e4dietechniker sowie f\u00fcr meinen ehemaligen, inzwischen pensionierten, und meinen neuen Orthop\u00e4den.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl oder \u00fcbel muss man au\u00dferdem zum Experten in eigener Sache werden. Man hat es mit Krankenkassen zu tun, die nicht immer einfache Partner sind. Gute Kenntnisse des Sozialgesetzbuches (SGB) sind Gold wert. Wer nicht lernt, ein aktiver Anwalt seiner eigenen Interessen zu sein, hat es schwer.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Familie als Quelle von Sinn<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine zentrale Quelle von Sinn ist f\u00fcr mich meine Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne meine wunderbare Frau Aura, die ich \u00fcber alles liebe, und ohne meine beiden Kinder w\u00fcrde meinem Leben etwas Entscheidendes fehlen. Sie geben meinem Leben Sinn. In diesem Zusammenhang denke ich oft an den Psychologen Viktor Frankl. Er schrieb, dass wir den Sinn des Lebens nicht einfach durch Suchen finden. Sinn entsteht vielmehr dadurch, dass wir unserem Leben selbst Sinn geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Familie ist mein \u201eWarum\u201c.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wer ein Warum hat, ertr\u00e4gt fast jedes Wie. \u2014 Viktor Frankl<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Alltag mit der Prothese<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein typisches Szenario: Man arbeitet die ganze Woche, es l\u00e4uft gut mit der Prothese, und man denkt sich: Jetzt kann das Wochenende kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau dann meldet sich pl\u00f6tzlich eine Druckstelle. Statt aktiver Mobilit\u00e4t hei\u00dft es dann: k\u00fcrzer treten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich \u00fcbe ich Gelassenheit. Doch so viel man auch trainieren kann \u2013 <strong>am Ende bleibt man Mensch<\/strong>. Man \u00e4rgert sich, man flucht vielleicht kurz, und dann muss man eben damit umgehen. Das gelingt mal besser, mal schlechter Ohne Training geht es nicht. Gleichzeitig wei\u00df ich nicht, was mich im Alter erwarten wird. Aber eines wei\u00df ich: Ich sehe dem gefasst entgegen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nicaragua<\/h2>\n\n\n\n<p>Dreimal war ich bereits mit meiner Prothese im Heimatland meiner Frau, in Nicaragua. Das ist jedes Mal eine besondere Herausforderung. F\u00fcr Gesunde sind die Langstreckenfl\u00fcge schon schwer, mit Prothese ist es eine sehr gro\u00dfe Herausforderung. Ich bin stolz, dass ich diese wieder gemeister habe. \u00dcber den Jahreswechsel 2025\/2026 konnte ich diesmal nicht alles machen, was ich vielleicht gern gemacht h\u00e4tte. Aber ich habe \u2013 wie eigentlich immer \u2013 das Beste aus den Umst\u00e4nden gemacht. Managua habe ich mir diesmal gar nicht angesehen. Es war schlicht zu hei\u00df. Stattdessen verbrachte ich wunderbare Tage in einem tropischen Hotel und dass nach einer tollen Zeit im Kaffeehochland im Norden Nicaraguas. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch das geh\u00f6rt zum Leben mit einer Prothese: Man muss lernen, Situationen neu zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">B\u00fcrokratie und Selbstvertretung<\/h2>\n\n\n\n<p>Hilfreich ist f\u00fcr mich, dass ich im Umgang mit Beh\u00f6rden einigerma\u00dfen ge\u00fcbt bin. Oft frage ich mich, wie es Menschen ergeht, die diese Erfahrung nicht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder treffe ich Menschen, die zum ersten Mal ernsthaft mit dem Gesundheitssystem in Kontakt kommen und dann erstaunt \u2013 manchmal sogar schockiert \u2013 feststellen, wie viele Dinge erk\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Trotz jahrelanger Beitr\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbsthilfegruppen und Interessenvertretungen sind hier enorm wichtig. Ich selbst bin Mitglied im Amputiertenverein Berlin-Brandenburg. Der Austausch mit anderen Betroffenen ist oft sehr hilfreich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Philosophie als R\u00fcstung<\/h2>\n\n\n\n<p>Jeden Morgen habe ich manchmal das Gef\u00fchl, wie ein Ritter zu sein, der wieder in seine R\u00fcstung steigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prothese ist Teil dieser R\u00fcstung.<br>Leider passt die R\u00fcstung nicht jeden Tag perfekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der technischen R\u00fcstung hilft mir auch eine geistige: die Philosophie. Besonders der Stoizismus begleitet mich seit vielen Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der gro\u00dfen stoischen Denker ist Epiktet. Der \u00dcberlieferung nach wurde sein Bein von seinem Besitzer so stark verdreht, dass es brach und nie richtig heilte. Trotz seiner Stellung als Sklave und seiner k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkung wurde er zu einem der einflussreichsten Philosophen der Antike.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer seiner bekanntesten Gedanken lautet:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eNicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern die Vorstellungen, die wir von ihnen haben.\u201c \u2014 Epiktet<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dieser Gedanke begleitet mich bis heute. Ich versuche, das Beste aus dem zu machen, was in meiner Macht steht und den Rest gelassen anzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist keine einmalige Einsicht, sondern eine t\u00e4gliche \u00dcbung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Dichotomie der Kontrolle<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Stoiker unterscheiden zwischen Dingen, die in unserer Kontrolle liegen, und solchen, die au\u00dferhalb unserer Kontrolle liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig verstanden bedeutet das nicht, die Welt zu ignorieren. Vielmehr bedeutet es, seine Energie bewusst einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>An erster Stelle steht die Sorge um sich selbst. Danach kommt die Sorge um die Familie. Erst danach folgt der Rest der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kann man sich \u00fcber Kriege, Krisen und Ungerechtigkeiten emp\u00f6ren. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wo habe ich tats\u00e4chlich Einfluss?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist oft kl\u00fcger, diese Dinge mit Mitgef\u00fchl zur Kenntnis zu nehmen und seine Kraft dort einzusetzen, wo man wirklich etwas bewirken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir Dinge nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir manchmal unsere Perspektive \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eK\u00e4mpfe nur Schlachten, die du auch gewinnen kannst.\u201c<br>\u2014 Sunzi<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das bedeutet: W\u00e4hle klug aus, wof\u00fcr du deine Energie einsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum sollte man sich \u00fcber Dinge den Kopf zerbrechen, die ohnehin au\u00dferhalb der eigenen Kontrolle liegen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dichotomie der Kontrolle l\u00e4sst sich sogar zu einer Trichotomie erweitern:<br>Es gibt Dinge, die wir vollst\u00e4ndig kontrollieren k\u00f6nnen, Dinge, auf die wir teilweise Einfluss haben, und Dinge, die v\u00f6llig au\u00dferhalb unserer Kontrolle liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Dingen, die wir teilweise beeinflussen k\u00f6nnen, hilft die stoische Vorbehaltsklausel:<br>Handle klug und entschlossen \u2013 aber sei dir bewusst, dass das Ergebnis nie vollst\u00e4ndig in deiner Hand liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Morgen steige ich wieder in meine R\u00fcstung. Sie passt nicht immer perfekt , aber sie tr\u00e4gt mich und ich arbeite daran, dass Sie mich noch lange tr\u00e4gt. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Prothese ist Teil meiner Geschichte. Aber sie bestimmt nicht, wie ich mein Leben f\u00fchre.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausgangslage Jeden Morgen beginnt mein Tag mit einem kleinen Ritual. Ich setze mich auf die Bettkante, greife nach meiner Prothese und ziehe sie an. Manchmal passt sie sofort. Manchmal braucht es ein paar Minuten, bis alles sitzt. An manchen Tagen sp\u00fcre ich sie kaum. 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